Lohnordnung in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts

 (von Hans-Jürgen Krüger)

1. Teil

Am 19. November 1530 unterschrieb Kaiser Karl V. in Augsburg eine Reformation guter Policey, deren Artikel 24 bemängelte, niemand könne Taglöhner und Arbeiter bekommen, es sei denn, er zahle ihnen nach ihrer Willkür, was sie verlangten. Deshalb solle jede Obrigkeit für ihr Gebiet eine Ordnung aufrichten, die für männliche wie weibliche Taglöhner für den Sommer wie den Winter einen festen Tagelohn vorschreibe, damit derjenige, der solche Arbeitskräfte benötige, nicht übervorteilt werde.

Die Reichspolizeiordnung wurde am 30. 6. 1548 erneuert. Diesmal war es Artikel 15, der jeder Obrigkeit aufgab, wegen der Ungleichheit des Lohns und der Speisen für Arbeiter, Taglöhner und Boten sowie wegen täglicher Irrungen über Kost und Lohn zwischen Handwerksmeistern und ihren Gesellen eigene Vorschriften zu verkünden. Eine abermalige Erneuerung der Reichspolizeiordnung am 9. 11. 1577 wiederholte (jetzt im Artikel 25) die Bestimmungen über einen Festlohn der Dienstboten, Handwerker und Taglöhner, weil der Lohn in wenig Jahren etwa hochgestiegen sei und die Leute nach ihrem Gefallen aus Dienst und Arbeit träten. Deshalb müsse man ihrem Ungehorsam und eigenen Willen zuvorkommen.

Polizeiordnungen bezweckten, einen Zustand guter Ordnung des Gemeinwesens herzustellen und zu erhalten. Sie regelten das Alltagsleben umfassend: Sie verboten, Gott zu lästern, zu fluchen, zu saufen, zu wuchern und die Ehe zu brechen, sie schrieben den Bauern, Bürgern sowie denen vom Adel die jeweilige standesgemäße Kleidung genau vor, sie beschränkten die Ausgaben für Hochzeiten, Kindtaufen und Leichenfeiern, sie suchten die Bettelei einzudämmen, sie untersagten den landfahrenden Sängern Spottlieder, und in dieser Weise verordneten sie noch vielerlei, manchmal auch feste Löhne. "Polizei" war die gesamte innere Verwaltung; Wohlfahrtspflege und Gefahrenabwehr waren begrifflich und behördenmäßig noch nicht getrennt, und erst in unseren Tagen beschränkt sich der Begriff "Polizei" unter weiterer Ausgliederung auch der gefahrenabwehrenden Ordnungsbehörden (wie z. B. Bau- oder Gesundheits- oder Gewerbepolizei usw.) auf den Sicherheitsvollzugsdienst mit (meist) uniformierten Beamten.

Eine eigene Polizeiordnung für das Kurfürstentum Trier ließ erst Kurfürst Johann VI. von der Leyen entwerfen. Diese Entwurf ist im Augenblick nur grob datierbar: Er wurde zwischen 1558 und 1567 niedergeschrieben. Die Einleitung berief sich auf des Kaisers Reichspolizeiordnung. Einer der Artikel begründete: Als bishero die Arbeiter und Taglöner mit Belonung hochgestigen, darzu mit Essen und Trincken nit zu ersettigen, sonder den gantzen Tag vol sein und ihres Gefallens zu und von der Arbeit gehn wollen, so sollten Amtleute, Gerichte und Räte ein-, zwei- oder mehrmals im Jahr nach den Bedürfnissen eines jeden Ortes den Lohn der Wingert-, Acker- und Feldbauern mit ihren Pferden oder Ochsen, dann der Arbeiter, Taglöhner und Boten sowie jeder Arbeit festsetzen, außerdem die Verpflegung oder deren Geldwert und schließlich die Arbeitszeit regeln. Bei Strafe von 2 Goldgulden solle keiner den anderen überbieten oder sich zu hoch bezahlen lassen.

Diesem Befehl kam die Stadt Koblenz in einer (ebenfalls undatierten, aber aus dem 16. Jahrhundert stammenden) Ordnung nach, deren erste Seite hier abgebildet ist. Sie billigte solchen Handwerkern wie den Maurern, Wandverputzern, Zimmerleuten und Schieferdachdeckern während des Sommerhalbjahres von Ostern bis zum 29. September täglich 3 Albus (Weißpfennige) Lohn zu, wenn derjenige, bei dem sie gerade arbeiteten, sie zusätzlich auch beköstigte. Mußten sie sich selbst verpflegen, so sollten sie täglich 6 Albus erhalten. Die Löhne ihrer Gehilfen lagen abgestuft darunter: Ein Meisterknecht bekam entweder Kost und 2 1/2 Albus oder ohne Kost 5 Albus, ein Lehrknecht 2 oder 3 1/2 Albus und ein Knabe 1 oder 2 1/2 Albus. Die Arbeiter im Weinberg wurden vom 2. Februar bis 1. November zusätzlich zur Kost mit täglich 2 1/2 Albus und bei Selbstverpflegung mit 5 Albus bezahlt. Die nächsten Seiten der Koblenzer Ordnung setzten das Entgelt für weitere Arbeiten fest.

2. Teil

Waren diese Löhne hoch oder niedrig? Für die Antwort wären Preisangaben nötig. Heute stellen die Statistiker als Maß für den Verbrauch einer Familie einen "Warenkorb" zusammen, dessen wechselnde Kosten sie festhalten. Er ist nicht auf frühere Zeiten übertragbar, weil Verbrauchsgewohnheiten und Preise sich ändern. Zahlen aus früheren Jahrhunderten sind meist nicht in ausreichender Menge und in genügend langen Zeitreihen vorhanden. Auch für die Stadt Koblenz fehlen sie.

Wir müssen versuchen, ein paar Schritte mit Krücken zu gehen. Für die Kost wurde den Koblenzer Handwerksmeistern und ihren Meisterknechten (Gesellen) ein halber Tagelohn berechnet. Der gesamte Tagelohn reichte demnach eigentlich nur zur Ernährung zweier Erwachsener. Man hat den Mindestbedarf einer fünfköpfigen Familie dieser Zeit mit 11.200 Kalorien angenommen, von denen 3.600 auf den Mann, 2.400 auf die Frau sowie jeweils zwischen 1.200 und 2.400 auf 3 Kinder entfielen.

Die meisten Kalorien für sein Geld bekam man damals, wenn man Erbsen oder Roggen kaufte. 1 kg Roggen entspricht 2500 Kalorien. Für 11.200 Kalorien brauchte die fünfköpfige Familie also 4,480 kg Roggen täglich. In Köln kostete 1 Malter Roggen 1570/71 im Jahresdurchschnitt 116,76 kölnische Albus.

Die den Koblenzer Tagelöhnern gezahlten kurtrierischen Albus waren mehr wert als die kölnischen. Um verschiedene Währungen und (z. T. inflationär verschobene) Münzwertigkeiten und Preise oder die Kaufkraft von Löhnen vergleichen zu können, müssen wir auf Silber, Gold, Roggen oder andere weitgehend unveränderliche und überall anwendbare Bezugsgrößen umrechnen.

In Köln kostete 1 kg Roggen 1570/71 den Gegenwert von 0,493 gr Silber (Mittelwerte). In Koblenz zahlte man um diese Zeit den Werkleuten, wenn sie sich selbst verpflegten, als Gegenwert für ihre tägliche Arbeit in Silber (nach Trierer Münzfuß) oder in kg Roggen (nach Kölner Marktpreisen 1570/71) und als Überschuß, der nach Abzug des Mindestbedarfs einer fünfköpfigen Familie oder eines Mannes oder eines Jungen übrigblieb:

  Albus Silber Roggen Roggen übrig
Meister: 6 5.010 gr 10,162 kg 5,682 kg: Familie
Geselle: 5 4,175 gr 8,469 kg 3,989 kg: Familie; 7,029 kg: Mann
Lehrling: 3,5 2,923 gr 5,929 kg 4,489 kg: Mann (Lehrling)
Junge: 2,5 2,088 gr 4,235 kg 3,275 kg: Junge
Landarbeiter: 5 4,175 gr 8,469 kg 3,989 kg: Familie

Nach dieser Rechnung behielt eine Familie die Hälfte des Lohns oder etwas weniger übrig, um sich neben Lebensmitteln einfachster Art noch andere Dinge oder im Verhältnis zum Nährwert teurere Nahrung (etwa Fleisch) zu kaufen und gegebenenfalls Miete zu zahlen. Falls die Lehrlinge (Azubis) ihrem Lehrherrn oder zu Hause Geld abgaben, vergrößerte sich der Uberschuß einer Familie entsprechend. In Teuerungsjahren nach Mißernten war die Kaufkraft dagegen geringer.

Die Koblenzer Lohnordnung aus dem 16. Jahrhundert setzte die Arbeitszeit im Sommer auf 4.00 - 19.00 Uhr und damit auf 15 Stunden fast. Schlafpausen während der Arbeit sollten künftig als nicht gemeinnützig unterbleiben. In Kurtrier arbeiteten die Leute wie anderwärts etwa 260 Tage im Jahr. Rund 95 Tage, also ein Vierteljahr, waren Sonn- und Feiertage.

Koblenzer Baumeisterrechnugen von 1569, 1572 und 1577 zeigen, daß die Stadt den Zimmerleuten und Maurern Löhne zahlte, wie die Lohnordnung sie festsetzte. Die Meister und ihre Knechte erhielten bei Selbstbeköstigung jeder täglich 6 Albus, ein Oppermann (Handlanger) bekam 5 Albus. Für die Verpflegung je Mann und Tag gab die Stadt einmal 5 1/2 Albus und ein anderes Mal 4 1/2 Albus aus.

Hundert Jahre früher hatten die Reallöhne im Koblenzer Talkessel zwei- bis dreimal höher gelegen. In anderen Gegenden Deutschlands war im 16. Jahrhundert die Kaufkraft der im Tagelohn arbeitenden Handwerker und Landarbeiter sogar noch tiefer gesunken, sie lag zum Teil nur halb so hoch wie in Koblenz. Die Nahrungsmittelpreise stiegen während des ganzen Jahrhunderts schneller als die Löhne, die anderswo in der 2. Jahrhunderthälfte nicht einmal mehr ausreichten, für eine fünfköpfige Familie den Mindestbedarf an Lebensmitteln zu kaufen. Eine steigende Bevölkerung ließ Nahrung knapp und Arbeitskraft billig werden.

Man hat daraus gefolgert, der "Pauperismus", also die Verelendung der Massen, und das Proletariat seien nicht erst Erscheinungen der industriellen Revolution, wie Marx es als Gesetz behauptete. Weitere kleine Vergleichsrechnungen für die Zeit um 1680, 1712 und 1775, die wegen Platzmangels hier nicht vorgeführt werden können, scheinen anzudeuten: Die Kaufkraft von Lohnarbeitern im Koblenzer Raum fügte sich zwar mit ihrer Entwicklung in die aus anderen Gebieten Deutschlands bekannten langwelligen Wechsellagen ein, war aber vermutlich jeweils größer als der Durchschnitt in sonstigen deutschen Landschaften. Nach dem Verzehr des notwendigen Essens blieb dort offenbar nicht soviel Geld übrig wie hier.
 


Weiterführende Informationen

:

Beitrag #64 von Hans-Jürgen Krüger
aus "Zeugnisse Rheinischer Geschichte"
Urkunden, Akten und Bilder aus der Geschichte der Rheinlande.
Eine Festschrift zum 150. Jahrestag der Einrichtung der staatlichen Archive in Düsseldorf und Koblenz.
Neuss: Verlag Gesellschaft für Buchdruckerei, 1982. XVI, 487 Seiten mit zahlreichen zum Teil farbigen Illustrationen. gebundene Ausgabe
ISBN-10: 3880944148
ISBN-13: 978-3880944145
 




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